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© Tages-Anzeiger; 14.10.2008

Auf den Bauern gekommen
Von Monique Rijks
In der landwirtschaftlichen Schweiz ist der Teufel los. Land auf, Land ab sorgt die Tatsache, dass dieses Jahr im traditionellen Bauernkalender zum ersten Mal nicht nur muntere Maiden, sonden auch «wackere Giele» gezeigt werden, für rote Köpfe. Dabei reagieren die Herausgeber, die mit ihren beiden Erzeugnissen gemäss Pressetext «ein positives Image der Landwirtschaft verbreiten wollen», doch nur auf einen eindeutigen Markttrend: Bauern sind hipp! Nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt interessiert man sich immer mehr für den Bauernstand.
Eigentlich kein Wunder. Denn seit wir in Berlin, Paris, New York oder Zürich denselben Hamburger essen, den identischen Kaffee trinken und alle gleich gekleidet sind, mutiert das Eigenständige, Typische zur Exklusivität. Auf dem Weg zurück zu unseren Wurzeln sind wir auf den Bauern, «uf de Puur», gekommen.
Und dieser, so müssen wir feststellen, ist nicht mehr verstockt und medienscheu, sondern aufgeschlossen und engagiert. Er legt sich mächtig ins Zeug, egal, ob im Stall, auf dem Feld oder in den Medien. Um das gängige Klischee des «rumpelsurige» Bauern zu zerstreuen, wird er Mister Schweiz, breitet er sein Seelenleben in der Reality-Show «Bauer sucht Frau» vor der gesamten TV-Nation aus und posiert nun spärlich bekleidet und in lasziven Posen für den «Boy-Bauernkalender.»
Das empört selbstverständlich das konservative Lager. Auf der Redaktion des «Schweizer Bauern», Medienpartner des Kalenders und wichtigstes Organ der schweizerischen Landwirtschaft, weiss man um den Aufruhr und reagiert gelassen: «Wir sind uns bewusst, dass der Kalender polarisiert.»
Doch die Aufregung ist ein Sturm im Wasserglas. Ein Blick auf den Stein des Anstosses provoziert vielmehr Lach- als Wutanfälle. Auf dreizehn grossformatigen Bilder zeigen junge Männer, wie «echte Bauern, die stolz auf die Schönheiten des Landes sind», sich in ihrem Umfeld räkeln. Wir sehen, wie Eric und Adrian heuen, Pierre vor dem Traktor steht, Ruedi fischt, Martin mistet, Claudio auf dem Muni reitet, Fabrice (sehr süss) die Geissen hütet und Raphael (sehr stark, very Arnold Schwarzenegger) vor dem Stall Milchkannen stemmt. Sind sind alle schön und jung und voller Tatendrang, und sie lassen uns an ihrem Leben teilnehmen. Durchs Schlüsselloch zeigen sie uns, wie idyllisch das Leben jenseits der Stadtgrenze sein kann und woher unser tägliches Brot (oder Steak) stammt.
Warum sie dies partout in farbigen Unterhosen, Schottenrock und Lederchaps tun müssen, leuchtet zwar nicht ganz ein, ist aber visuell, wenn nicht unbedingt anmächelig, zumindest auffallend.
Dasselbe gilt für die Tatsache, dass den meisten Jungs die Brust kahl rasiert und anschliessend mit Melchfett oder Pseudodreck eingeschmiert wurde. So stilisiert, posieren sie nun vor ihren Heuhaufen, Traktoren und Käselaibern. Vielleicht in der Hoffnung, die eine oder andere Frau werde den Weg zu ihrem speziellen Hof finden. Angesichts der vom Fotografen Claude Stahel gewählten Bildsprache dürften aber eher Männer kommen.
In der Rubrik «Alltagsblüte» beleuchten wir in loser Folge kuriose Phänomene und merkwürdige Gegenstände.
BILD CLAUDE STAHEL/BAUERNKALENDER.CH
www.bauernkalender.ch
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